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Autokino9 min read

3. Juni 2020 6 min read

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Vorbericht

Motiviert durch PFNext kamen wir am Samstag, den 30.05.20, ins Autokino – aber die Überzeugung war ganz unsere. Wir wollten miterleben, wie Nicolas Geiger vom Cineplex und Christine Müh vom Kommunalen Kino es schaffen, trotz – oder vielleicht sogar gerade wegen der momentanen Umstände etwas Schönes und Aufregendes für die Stadt zu gestalten und ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Sie haben es binnen kürzester Zeit geschafft, das uns erste bekannte Autokino in Pforzheim auf die Beine zu stellen.

Uns von PFNext hat es natürlich sofort gereizt, das Projekt persönlich mitzuerleben und uns einen eigenen Eindruck zu verschaffen. Schließlich ist es nicht gerade üblich, zu sehen, wie zwei Menschen, die normalerweise in zwei komplett anderen Bereichen derselben Branche tätig sind, an einem Projekt zusammen arbeiten. Unsere Ankunft verlief reibungslos. Wir wurden direkt zu Frau Müh geleitet, welche uns sehr freundlich empfing. Auch Herr Geiger war vor Ort und, zu unserer Überraschung, auch der Protagonist des Filmes „Besser Welt als Nie“, Dennis Kailing wohnte dem Interview bei.

Ich muss ehrlich gesagt gestehen, dass ich kein direkter Stammgast des Kommunalen Kinos bin, aber ich bin mehr als glücklich darüber, genau an diesem Tag gekommen zu sein. Der Film – einer, der eigentlich nur im KoKi laufen würde – haute mich komplett aus den Socken. Wenn man weiß, dass er von einem Reisenden eigenhändig aufgenommen wurde, ist man ein wenig voreingenommen und hat nicht allzu hohe Erwartungen. Doch der Protagonist bekommt es hin, diese Erwartungen erfolgreich zu übertreffen. Die Aufnahmen waren sehr persönlich gestaltet und die Balance zwischen einem dokumentarischem Aufbau und einem erzählerischem Stil war sehr angenehm.

PFNext_Autokino-Veranstalter

Man schmunzelt, man fiebert mit und der Protagonist hat es auf eine komplett organische Art und Weise geschafft, den gesamten Film über sympathisch und authentisch zu bleiben. Gerade weil es kein Blockbuster-Film war, hat man sich doch etwas mehr hineinversetzen können. Die Geschichte fühlte sich einfach echter an. Natürlich nicht nur, weil sie es tatsächlich auch ist, sondern weil einen das Heimische mehr mit der Geschichte verbindet und man gerne sie miterleben will.

Ich bin sehr froh darüber, dass diese beiden Pforzheimer, durch die Mithilfe vieler Anderer, es mir – und natürlich uns allen – ermöglicht haben, trotz der momentanen Lage den Abend auf diese besondere Art und Weise genießen zu dürfen. Weder mit Ton noch Bild gab es Probleme und es lief genau so reibungslos ab, wie man es aus dem Kinosaal gewohnt ist. Das Arbeitsverhältnis zwischen Frau Müh und Herrn Geiger ist genauso organisch wie der gezeigte Film sebst. Es wird sicherlich nicht unsere letzte Begegnung sein, denn auch wir warten sehnsüchtig auf die Wiedereröffnung der Kinos und anderer Kultureinrichtingen in Pforzheim.

Somit auch vom Cineplex und vom KoKi, wo man mich ab sofort auf jeden Fall öfter vorfinden wird. Abschließend muss ich sagen, dass es ein besonderer Zusammenhalt ist, der das Autokino erst ermöglicht hat. Eine schöne Sache, die aus einer nicht so schönen Situation entstanden ist. Ich denke, das kann man auf viele Beispiele anwenden, nicht nur auf das Autokino. Und so lange wir so weiter machen, werden wir als Stadt auch diese Hürde überwinden. Es wird nicht die letzte sein und war in der Geschichte auch gewiss noch nicht die schwierigste. 

Interview

Die Corona-Krise hat ja von den meisten Inhabern viel Kreativität und Einfallsreichtum gefordert. War das Autokino etwas, was Sie selbst bzw. Sie mit Herrn Geiger schon immer Mal machen wollten oder ist diese Aktion ausschließlich eine Alternative zum geschlossenen Kino? 

 Christine: Gemischt. Wir wollten tatsächlich in diesem Sommer ein Autokino machen, allerdings wäre es ein kurzes Event mit der KFZ-Innung gewesen, welche dieses Jahr ihr 75-jähriges Jubiläum feiert. Das wäre aber ein bis maximal sieben Tage lang gewesen. Der Plan war also schon im Kopf, aber umgesetzt wurde er dann zwangsweise von Corona.

Nicolas: Es haben sich viele Leute in letzter Zeit mit dem Gedanken „Autokino“ beschäftigt, welche dann gewaltig auf die Nase gefallen sind. Wir hatten auch sehr viel zu tun, um alles richtig und rechtzeitig hinzubekommen, auch mit den Ämtern. Es ist nochmal eine ganz andere Sache, die einen anderen Gedankengang erfordert. 

 Was war denn die größte Hürde? 

Christine: Ich würde es nicht als Hürde beschreiben, aber das Neuste für uns war die Kooperation miteinander. Wir haben voneinander in der Presse erfahren, dass es alternative Pläne gibt und haben uns entschieden, uns zusammen zu tun, um ein gutes Autokino zu bieten. Da es nur eine Fläche dafür gibt – also den Messplatz – und es nicht so sinnvoll gewesen wäre, jetzt zwei Autokinos auf die Beine zu stellen, war das für uns beide am sinnvollsten. Die Zusammenarbeit ist aber auf jeden Fall spannend und neu. Wir waren bisher zwar Kollegen, aber eher nebeneinander und nie miteinander.

Nicolas: Es hat gleich von Anfang an super geklappt. Auch mit den verschiedenen Teams und mit dem schnellen und effektiven Rein- und Rausfahren der Autos. Also ich bin sehr positiv überrascht gewesen.

Christine: Das war eine etwas größere Herausforderung, um auf die Frage zurück zu kommen. Im Kino hat man ja fest geschraubte Stühle, was im Autokino nicht der Fall ist. Da die Pläne zu gestalten, auch wie man die Autos positioniert und am besten nach dem Film wieder von der Fläche bekommt und so weiter… das hat uns schon einiges abgefordert. Das war echt sehr spannend zu sehen, wie gut das Team vorbereitet war und es bereits ab dem ersten Abend flüssig und schnell funktioniert hat. 

PFNext_Autokino-Leinwand

 Wie erwähnt befindet sich das Autokino auf dem Messplatz. Wie gestaltete sich die Arbeit mit der Stadt, um den Platz für das Autokino zu erhalten? Haben sie gemerkt, dass die Zusammenarbeit zwischen Stadt und Inhabern effizienter und schneller läuft? 

Nicolas: Schneller auf jeden Fall. Also die Stadt hat uns wirklich sehr den Rücken gestärkt. Alle Ämter waren da, wenn man sie gebraucht hat und alle haben sehr schnell reagiert und gearbeitet. Da muss ich an der Stelle wirklich sagen, dass das eine super Leistung seitens Stadt war!

Christine: Sie waren sehr entgegenkommend. Auch mit den technischen Diensten, was auch erwähnt werden muss. Die ganze Manpower, die dann kam und Zäune aufgestellt hat und uns sonst noch unterstützt hat mit dem Kran, den Straßensperren und so weiter, das hätten wir sonst alles nicht rechtzeitig geschafft. Ein sehr großes Lob an die Stadt. Der OB hat auch die Schirmherrschaft übernommen, was ja auch eine Geste aus der Stadtspitze heraus ist, dass man das will und unterstützt. 

Wir hatten es gerade schon angesprochen: das Autokino wird von Ihnen, Frau Müh, der Chefin des Kommunalen Kinos und Herrn Geiger, Betreiber des Cineplexx und Rex, betrieben. Das sieht man auch am Filmangebot. Hollywood-Blockbuster und Independent-Filme zugleich. Wie läuft da die Absprache zwischen Ihnen beiden bezüglich der Filmauswahl? Es scheint ja sehr gut zu funktionieren. 

Christine: Die Absprache verläuft ziemlich einvernehmlich. Wir haben uns auf ein 50/50-Programm geeinigt, aber das entsteht auch einfach so. Es ist jetzt nicht so als würden wir uns um Filme schachern. Uns als KoKi ist es aber auch bewusst, dass wir nicht die reine Lehre spielen können die normalerweise im KoKi angeboten wird. So etwas funktioniert für ein Autokino nicht.

Das haben wir gemerkt, als wir nochmal den Film „Systemsprenger“ gezeigt haben. Der Zuspruch war gering, selbst mit der Regisseurin vor Ort. So was klappt im Autokino eben nicht – oder zumindest in Pforzheim nicht. Wir sind dann auch ein bisschen pragmatisch, da wir in dieser Zeit wahrlich kein Geld verlieren dürfen, und spielen dann doch eher das, was gesehen werden will.

Nicolas: Wir müssen auch bei den Leuten im Kopf bleiben. Den Untergang der Kinos wollen wir somit auch vermeiden. Heute Morgen hat man erst von der Insolvenz des UFA Palasts in Stuttgart gelesen. Wir haben bis jetzt auch sehr tolle Rückmeldungen der Gäste bekommen, welche froh sind, dass etwas passiert. Alleine von diesem Gedanken her war es wichtig, dass wir dies hier zusammen machen. 

PFNext_Autokino-Interview

Wobei ich das Konzept, den Protagonisten herzubringen, ganz toll finde. Dennis, erzähle du doch Mal. Wer bist du, was machst du? 

Dennis: Also ich bin Dennis Kailing und ich bin heute hier mit meinem Film „Besser Welt als Nie“. Ich bin mit dem Fahrrad um die Welt gefahren und das ist das Thema des Films. Die Abenteuerreise habe ich mit der Kamera dokumentarisch festgehalten. 

Warst du dann auch komplett alleine? 

Größtenteils, ja. Kurz hatte ich mal Besuch von einem Freund. 

Also sehr viel selbst gefilmt? 

Ja, aber ich habe mir auch was ausgedacht, dass man das nicht merkt. Dabei habe ich mir auch echt Mühe gegeben. 

Mit was für Kameras hast du das Ganze umgesetzt? 

Mit einer Spiegelreflex, einer GoPro und einer Drone. Diese lädt man dann, indem man auf Leute zugeht und fragt. Sehr oft wurde ich von Leuten auch eingeladen zum Übernachten. Natürlich hatte ich auch extra Akkus dabei. Die kamen dann sehr geschickt, als ich im Outback in Australien war, wo ganz lange einfach nur Outback und sonst nichts ist. Heute gibt’s auch noch ein Filmgespräch mit dem ein oder anderem interessanten Twist. 

Zum Abschluss, können Sie sich vorstellen, das Autokino auch nach der Krise zu betreiben? 

Ja, vorstellen eigentlich schon. Auch die KFZ-Innung ist auf das Thema angefixt und es ist definitiv etwas, das man nochmal anpeilen kann. Vielleicht nicht in so einem riesigen Rahmen, aber es wäre schön, das Format immer Mal wieder aufleben zu lassen. Jetzt wissen wir ja, wie es geht. Ob es dann stattfindet, kann man natürlich nicht versprechen. Aber ich würde sagen, wir warten einfach bis nächstes Jahr ab. 

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